Zugegeben, diese Frage war nicht das beherrschende Thema beim Kaffeehausgespräch im September. Schließlich bot die Überschrift “Literatur im Zeitalter des Internet” noch andere interessante Anknüpfungspunkte. Aber vor allem das Thema “Internetroman” ist bei mir persönlich hängen geblieben.Was also ist ein Internetroman? Reicht es dazu, einen Text, der genauso gut auf Papier gedruckt werden könnte, ins Internet zu stellen und damit den Verlag und die Druckereien auszuschalten? Wird ein Schreibprojekt allein dadurch zu einem Internetroman, dass sich mehrere Autoren und Autorinnen daran beteiligen? Oder dass das Buch nicht als fertiges Ganzes dem Leser präsentiert wird, sondern kapitelweise?
Nichts davon ist wirklich neu und ausschließlich an das Medium Computer/Internet gebunden.
Die Suche im Internet bei einer bekannten Suchmaschine liefert zwar viele Stichwörter, aber nur wenig Inhalte. Es gibt verschiedene Hinweise auf vier oder fünf so genannte Internetromane. Okay, vielleicht sind es auch zehn oder zwanzig. Meinetwegen auch fünfzig, ich will nicht kleinlich sein. Aber angesichts von ca. 70.000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt auf der einen Seite und der rasanten Geschwindigkeit, mit der das Internet unseren Alltag unterminiert hat, auf der anderen Seite finde ich das erstaunlich wenig.
Warum gibt es nicht mehr Internetromane?
Sicherlich liegt es daran, dass das Lesen am Bildschirm nicht so viel Spaß bringt wie das Lesen in einem echten Buch. Die Vorstellung, mehrere hundert Seiten am Computer lesen zu müssen, schreckt ab. Und wenn dieser Roman noch nicht einmal etwas wirklich Neues bieten kann – warum soll ich mir da die Mühe machen, mir am Bildschirm die Augen wund zu lesen?
Das Internet bzw. der Computer allgemein bietet die Möglichkeit, sich von einer linearen Erzählstruktur zu lösen. Wir sind es gewohnt, dass ein Text am Anfang beginnt und am Ende aufhört, auch wenn der Inhalt des Textes durch Rückblenden, verschiedene Erzählperspektiven oder Zeitebenen verschachtelt sein kann. Das Internet ermöglicht es jedoch durch den Hypertext, eine ganz neue Erzählstruktur zu entwickeln. Die Geschichte muss nicht mehr auf einem gut ausgebauten vorgegebenen Weg durchschritten werden, sondern es kann unzählige Abzweigungen, Nebenstraßen, Sackgassen, Dschungelpfade oder Plätze geben, sodass der Leser sich von mehreren Seiten der Thematik annähern kann.
Die im Internet erschienenen Romane, von denen beim Kaffeehausgespräch die Rede war, allen voran “Neid” von Elfriede Jelinek, nutzen diese Möglichkeit nicht – bis auf einen. “253 – Der U-Bahn-Roman” von Geoff Ryman.
Ich persönlich denke, dass das Internet das Buch nicht verdrängen wird. Aber es wird die Welt des Lesens um eine spannende und interessante Variante erweitern.
Ob die dann noch “Roman” oder gar “Buch” heißen wird, sei dahingestellt.