Kaffeehausgespräche

Archiv für Februar 2011

Elefant und Ameise

Das Thema des gestrigen Kaffeehausgesprächs, das Öko-Buch, hat viele Salongäste angezogen und zu einer regen Diskussion geführt. Wie so oft hat sich auch diesmal gezeigt, dass es von der Literatur zu den ganz großen Fragen des Lebens nicht weit ist.

Den Auftakt machten meine Ausführungen zu Kleists Nachtigallen und blühenden Granatapfelbäumen in der Novelle „Das Erdbeben in Chili“, in der uns der Erzähler deutlich macht, dass eine literarische Naturidylle als Gegenbild zur menschlichen Gesellschaft eben nur das sein kann: Literatur. Als neueres Beispiel für eine Natur- und Gesellschafts-Utopie wurde Ernest Callenbachs „Ökotopia“ genannt, aber auch an Rachel Carsons „Der Stumme Frühling“ wurde erinnert.

Die Behauptung, dass „Natur“ immer ein Produkt der menschlichen Wahrnehmung und Kultur sei, traf nicht auf ungeteilte Zustimmung, wohl aber die Annahme, dass es die Natur auch ohne den Menschen gäbe oder geben wird. Allgemeines Misstrauen herrschte, wenn ich das richtig sehe, gegenüber biologischen Rechtfertigungen von menschlichem Sozialverhalten.

Eine angeregte Unterhaltung entspann sich um die Frage, ob es gerechtfertigt sei, Tiere zu essen. Dazu passend präsentierte der Salonherr Detlef Thofern Textausschnitte aus dem Essay „Am Beispiel des Hummers“ von David Foster Wallace.

Ein kleiner Auszug aus weiteren Gedankenanstöße des gestrigen Kaffeehausgesprächs: Die aktuelle Darstellung von Landwirtschaft in Kinderbüchern und in der Werbung ist fern jeder Realität. Tiere die gegessen werden, sind in unserer Gesellschaft üblicherweise nicht mehr als solche in ihrer körperlichen Ganzheit oder auch nur in ihren genießbaren oder ungenießbaren Einzelteilen präsent. Rücksichtnahme auf die Mitkreatur ist auch eine Frage von Bildung. Für die Ameise ist ein Elefant ein Umweltzerstörer.
Ich danke allen Salongästen!

Es geht weiter am 17. März mit dem Thema “Gegenbücher. Die literarische Antwort”. Näheres bald hier im Blog oder per Newsletter.

Die Kaffeehausgespräche in der taz

Gestern hat mich Frau Schellen von der taz Nord zum Thema des heutigen Kaffeehausgesprächs interviewt. Aus meinen etwas verschwurbelten Ausführungen hat sie das Wichtigste herausgeschält (Hauptaussage: Literatur macht uns zu besseren Menschen). Vielen Dank dafür!

Öko-Bücher. Die Umwelt in der Literatur

Literatur ist Fiktion, aber immer auch ein Abbild von „Wirklichkeit“. Die Handlungen werden in Räumen, Landschaften, (Um)Welten inszeniert, die nie ganz losgelöst sind von der Realität, oder von dem, was jeweils als realistisch empfunden wird. Erst dadurch können wir Literatur verstehen, einordnen und bewerten.

Die Umwelt der antiken Helden war mystisch aufgeladen und unberechenbar, die Umwelt der Romantiker steckte voller Gefühl und Verklärung. Und wie steht es in der (Post)Moderne mit der Umwelt? Sie ist einerseits entmythologisiert und berechenbar geworden und wird andererseits vergiftet und zerstört.

Dieser Zwiespalt spiegelt sich in vielen anti-utopischen Romanen wieder. So beklagte z. B. Wilhem Raabe in „Pfisters Mühle“ die Vergiftung eines Flusses aus Gründen des Profits, Charles Dickens öffnete durch „Oliver Twist“ vielen Menschen die Augen für die Schattenseiten der industriellen Revolution und George Orwell beschrieb in „1984“ die totalitäre Kontrolle unserer geistigen und materiellen Umwelt als Zukunftsvision.

Heute stehen Themen wie Umweltverschmutzung und Waldsterben, aber auch die möglichen Auswirkungen eines Klimawandels und die Bedrohung durch Gentechnik und Atomkraft im Fokus der öffentlichen Diskussion. Welchen Niederschlag finden diese Themen in der aktuellen Literatur, mit welchen Stilmitteln arbeiten die Autorinnen und Autoren und welchen Einfluss haben „Öko-Bücher“ möglicherweise auf das Verhalten der Leser?

Der monatliche literarische Salon „Kaffeehausgespräche“ lädt Sie herzlich zu einer „nachhaltigen“ Diskussionsrunde über diese Themen ein. Reden Sie mit oder hören Sie einfach nur zu und genießen Sie die angenehme Atmosphäre des Kulturcafés. Die Gastgeber des für alle offenen Salons – die Literaturwissenschaftlerin Karin S. Wozonig und der Sozialwissenschaftler Detlef Thofern – freuen sich auf Ihren Besuch!

Wann: Donnerstag, 17. Februar 2011, 19.00 Uhr
Wo: Chavis Kulturcafé, Detlev-Bremer-Straße 41, 20359 Hamburg (St. Pauli)

Der Eintritt ist frei.

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