Beim heutigen Kaffeehausgespräch habe ich mit meiner Einleitung über den Schweizer Germanisten Emil Staiger Verwirrung gestiftet. So war das nicht gedacht, aber das passiert manchmal. Ich habe erzählt, dass die professionelle Beschäftigung mit Literatur damit verbunden ist, dass man ständig Leselisten – ihnen war das Kaffeehausgespräch gewidmet – abzuarbeiten hat. Diese universitären Leselisten bestehen 1. aus Primärwerken, also der Literatur, und 2. aus Sekundärwerken, das heißt Texten über Literatur. Und meine Plauderei aus der Germanisten- bzw. Komparatistenschule mündete darin, dass ich eine Anekdote aus Emil Staigers Leben zum Besten gab: Als er, der unter anderem Texte mit den Titeln „Grundbegriffe der Poetik“ (1946) und „Die Kunst der Interpretation“ (1955) verfasst hatte, an denen niemand im Studium vorbeikam; als also der Autor von Sekundärwerken, die jahrelang von den Leselisten der Germanist(inn)en und Komparatist(inn)en nicht wegzudenken waren, emeritiert wurde, da hat er, so geht die Legende, alle Sekundärwerke aus seiner Bibliothek verbannt. Die Lektüreliste Emil Staigers bestand sozusagen von da ab nur mehr aus Primärwerken.
Diese meine Einleitung hat die Gäste im Salon etwas ratlos zurückgelassen und das Gespräch hat dann einige Umwege über norddeutsche Geographie, Buchhandlungen, Flohmärkte und das Waldhorn genommen, ehe sich zwei Erkenntnisse in Bezug auf Lektürelisten herauskristallisierten:
1. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass man gar keine Liste erst noch zu lesender Bücher hat, weil alle neuen Bücher irgendwie langweilig erscheinen und man stattdessen die wieder liest, die man interessant gefunden hat.
2. Nicht alles, was man auf seine Leseliste gesetzt hat, muss man auch wirklich zu Ende lesen.
Damit kündige ich an, dass das nächste Kaffeehausgespräch, voraussichtlich am 22. Februar stattfindend, sich irgendwie der Klassik widmen wird. Näheres bald hier in diesem Blog oder per Newsletter.